Ein persönlicher Rückblick zum Jubiläum
Unser Stockwerknachbar Sämi wohnte schon 26 Jahre lang und zunehmend zurückgezogen im Ochsengässli 7. Das Haus selber glich hingegen eher einer grossen WG. Oft standen die Türen offen, gelegentlich stimmte ich in den Gesang der Nachbarin ein oder wir assen spontan miteinander, lachten und lebten. Auch Sämi konnten wir hie und da rauslocken. Einmal – der Sommer stand in vollem Grün – sausten wir über die jurassischen Hügelketten ins Restaurant Hexenhüsli. Sämi hatte Tränen in den Augen (und wir dann auch), als er uns dankte und meinte, er sei seit Jahren nicht mehr so glücklich gewesen.
Von diesem Ausflug habe ich sogar ein Föteli gefunden:
Sämi (Zweiter von links) beim Ausflug ins Hexenhüsli, Staretschwil.
2006 pilgerte ich für ein halbes Jahr nach China, um die TCM in ihrem Ursprung zu erfahren. Vieles wirkte wie aus einer anderen Zeit:
Bonsai-Gasthof in den Westbergen, TCM Spital Kunming, TCM Heilmittelmarkt in Chengdu
Danach wollte ich, statt nur da und dort etwas rumzuwursteln, endlich eine richtige Praxis eröffnen. Auf der Rückreise, während einer dieser verträumten Zugfahrten, wo Gedanken und die Welt vorüberziehen, wünschte ich mir vom Universum eine renovationsbedürftige und dafür günstige Altstadtwohnung für die Praxis.
Und schwuppdiwupps trat zu Hause Sämi an mich heran: «Ich bin Miterbe dieser Liegenschaft, ich vermache Dir meine Wohnung zu meinem Mietzins, 650 Franken pro Monat.» Das war damals schon unglaublich wenig, zudem war es die schönst gelegene Wohnung im Haus; im obersten Stock, mit Fenstern zu drei Seiten. Nur der Kaffee- und Rauchgeruch, den Sämi hinterlassen hatte, wollte auch nach drei Monaten intensivem räuchern und lüften nicht weichen.
Das Schicksal war mir erneut hold und brachte den Haudegen und Tausendsassa Harry Ramser aufs Spielfeld, der mich die baubiologische Alchemie lehrte. Zunächst schruppten wir die Räume inklusive Wände mit so viel Sodalauge, dass der Wasserschwall gleich noch für den Boden reichte. Danach waren die Oberflächen frisch und frei für hochschwingende, natürliche Substanzen. Ich investierte in kristallangereicherte Kaseinfarben, Tonnen von Naturlehm und jede Menge weiteres verrücktes Zeug, wodurch die Räume feinstofflich kommunizieren :) Sogar meine Hippie-Freunde meinten: «Raffa spinnst Du, so viel auszugeben? Das zahlt sich doch nimmer aus!»
Szenen des Umbaus
2006 war die Aarauer TCM-Landschaft übrigens noch überschaubar. Da waren vor allem drei bekannte Namen: Brigitte Ausfeld, Ärztin und Leiterin des Komplementärmedizinischen Ausschusses der Uni Bern, Witjara Tandjung, chinesische Fachärztin für Gynäkologie sowie Severin Bühlmann, Arzt und Gründer von Complemedis, der Pionierfirma in Sachen Chinesischen Arzneien in der Schweiz.
Meine Praxis lief langsam an: In der ersten Woche kam nur eine Patientin, in der zweiten eine Zweite und in der dritten eine Dritte. So war das genau richtig für mich, denn es gab viel zu tun: Website- und Abrechnungsprogramm, für jede Patientin umfangreiche Recherchen inklusive individuell gewählter Heilmusik und sonst noch allerlei Brimbamborium. Trinkwasser holten wir jeden Morgen aus dem Brunnen unterhalb der Kirche mit dem Handwagen, schliesslich befindet sich oberhalb jener Kraftort, von dem es heisst, er sei mit 23000 Bovis-Einheiten eine ganz besondere Energiequelle. Im Winter heizten wir jeden Raum mit Kanonenofen ein, die jeweilige Temperatur wurde an die Muster der Patienten angepasst. Oh ja, sie liebten das Knistern beim Entspannen und oh ja, sterweise Holz ins 2. Obergeschoss zu schleppen hielt mich fit.
Zum Glück meldete sich schon bald eine junge Frau namens Corinne fürs Praktikum. Mit 23 Jahren war sie tatsächlich sehr jung für eine TCM-Therapeutin damals. Und sie war gut. Ausserdem blieb sie – trotz eigener Praxis – 15 Jahre lang bei TCM Aarau. Heuer feiert sie ihr eigenes 40. Jubiläum. Nathanael, unser derzeitiger Superbrainer, feiert seinen 30., ich meinen 50. So sind es 20, 30, 40 und 50. Plötzlich zählen wir sie in Dekaden, die liebe Zeit.
Die Liegenschaft wurde mittlerweile verkauft, der neue Eigentümer ermöglichte uns einen Umzug ins Erdgeschoss, wobei wir einem gesunden Wachstum folgten. Corinne war nicht nur eine gute Seele, sondern ebenfalls eine Superbrainerin, die ich als Orakel in Gebrauch nahm: «Wer ist die beste Therapeutin im ganzen Land?» – Noemi sollte es sein. Diese konnten wir erfolgreich mit unserem neuen, erneut völlig übertrieben luxusbiologischen Ausbau ködern.
Video der neuen Praxisräume im Erdgeschoss
Weitere folgten und so nahm es seinen Lauf. Einige führten eine eigene Praxis nebenher, schätzten aber das Team und den Austausch, andere waren froh darum, dass alles picobello organisiert war und sie einfach nur therapieren konnten. Notabene liegt die Kinderquote unserer Mitarbeiter sechsfach über dem Schweizer Schnitt. Das scheint auf die Patientinnen abzufärben. Wir haben mal Geburtsanzeigen unserer Kinderwunschbehandlungen gesammelt und daraus ein 200-seitiges Album erstellt, nur um dann zu realisieren, dass wir aus Datenschutzgründen ja gar nichts damit anfangen können. Wär ja nicht grad schön, so ein Babyfotobuch mit schwarzen Zensurbalken, oder? Schön ist es trotzdem, das cheiben Leben, wie es blüht, zerfällt und sich immer wieder neu entwickelt. Heute kommen schon erste junge Erwachsene zu uns, deren Eltern ich noch damals – ja, damals – auf Kinderwunsch behandelt hatte.
Ich wurde beauftragt, etwas zum 20. Jubiläum von TCM Aarau zu verfassen. So à la: "10 Mitarbeitende sind wir heute, 60 Therapeutinnen und 180 Praktikanten kamen und gingen, dreimal fast expandiert, wir verfügen über ein bis zum Letzten ausgeklügeltes Betriebssystem, Dank dessen mehr Zeit bleibt für das Wesentliche blabla ..." Also nicht, dass das unwichtig wäre, aber es wurde halt schon oft erzählt. Drum ist diese Erzählung jetzt ein bisschen persönlicher geworden, weil das Persönliche ja das ist, worum es eigentlich geht im Leben, oder? So, wie möglichst vielen Menschen den Weg zum Frieden zu ermöglichen, seien es Patienten oder Mitarbeiterinnen. Natürlich hat es halt immer auch ein paar weniger Zufriedene dabei. Aber die Bilanz ist glaubs schon recht gut und wir bleiben unserem Praxislogo treu: Das Licht des Herzens durchdringt den Geist.
Dr. Raphael Hochstrasser, Inhaber TCM Aarau